„Mama, DU BIST KACKA!“

Kinder und die verdammten Schimpfwörter

Eben sagt dein süßes Baby noch „Dada“ – und die Verzückung ist groß! Irgendwann, ein paar Jahre später, da wirst du dich in bestimmten Momenten nach dieser Zeit sehnen. Beispielsweise, wenn du Jahre später mit deinem vierjährigen Kind draußen bist und es plötzlich durch die Straße brüllt:

„Aaarschloooch!“

Kinder ahmen ihre Umwelt gründlich nach. Sie beobachten und imitieren. Und das schon sehr lange, bevor sie Dinge überhaupt verstehen.

Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir passen uns anderen Menschen an. Diese Anpassung könnte man auch Nachahmung nennen: wir ahmen bestimmte Muster und Verhaltensweisen nach, z. B. um eine gewisse Basis zu Anderen aufzubauen.

Das ist natürlich. Und Kinder lernen unglaublich schnell. Deswegen ist es unumgänglich, dass dein Kind irgendwann Worte hört, (kennen)lernt und sagt, die dir nicht gefallen und die du aus seinem Mund nicht hören möchtest.

Wie du am besten reagierst, wenn dein Kind Schimpfwörter benutzt und wie du mit dem Thema allgemein umgehen kannst, erzähle ich dir hier.

Von "Dada" zu "Kacka"

Das Sprechen will erst mal gelernt sein

Eltern freuen sich ganz besonders über die ersten Worte ihres Kindes.

Wenn dem Mund des Babys statt des Gurrens, Jauchzens, Brummens und Brabbelns plötzlich ein „Da“ entspringt, ist die Freude meist riesig:

„DA! Ja! Sagst du ‚DA‘? Oh, du bist so ein kluges Kind! Schatz, hast du das gehört? Da! Sag noch mal ‚Da‘! Dada, dada, da, …“

(Stell dir die Aussage in einer so hohen Tonhöhe vor, in der du sie grad noch so hören kannst.)

„Da“ ist oft das erste „Wort“, das Babys aussprechen können. Es ist in vielen Sprachen sogar ein richtiges Wort. Es bedeutet auf Deutsch (u. a.) „dort“ oder auch „weil“, auf Russisch „ja“, usw.

Einfache Silben sind meistens die ersten Buchstaben, die den Kindern über die Lippen kommen.

Als Elternteil zählt man diesen Fortschritt unter die Kategorie erste Wörter.

Natürlich ist den meisten Eltern bewusst, dass das Baby nur aus Versehen ein „richtiges Wort“ benutzt hat.

Nichtsdestotrotz ist es ein Meilenstein und riesen Fortschiritt: Hat das Kind einmal damit angefangen, Buchstabenkombinationen zu benutzen (und auf freudige Reaktionen zu stoßen), wird es nicht mehr damit aufhören, diese Fähigkeit mit den Jahren zu trainieren und auszubauen.

Aus Silben werden Worte; irgendwann werden diese auch richtig ausgesprochen. Und nach einigen Jahren diskutierst du mit deinem Kind, warum es heute kein fünftes Eis bekommt, warum es nach dem Benutzen der Toilette abziehen soll und wieso sie es nicht nackt durch die Straße laufen darf.

Oft schon bevor das Kind überhaupt anständig diskutieren kann, schnappt es die ersten Schimpfwörter auf. Oder ruft „Scheiße!“

Weißt du noch, damals...?

Wo hat das Kind seine Schimpfwörter her?

Man denkt bei der Herkunft dieser Wörter zuerst an den Kindergarten. Oder an andere Kinder. Die Nachbarn. Das „böse“ Fernsehen.

Aber man selbst hat als Elternteil den größten Einfluss auf sein Kind.

Kinder haben gute Antennen und schnappen viel auf, selbst wenn wir das gar nicht merken. In vielen Situationen ist uns auch nicht bewusst, dass unser Kind uns gerade beobachtet oder uns zuhört.

Bestes Beispiel: Autofahren. Normalerweise sitzt man als Erwachsener vorn und die Kinder hinten. Wenn man sich auf den Verkehr konzentriert und es hinten ruhig ist, könnte man schon mal kurz „vergessen“, dass sie da sind. Und in einer brenzligen oder nervigen Verkehrssituation rutscht dir halt mal was raus:

„Pass doch auf du Penner!“

„Fahr doch, du Idiot!“

Oder so ähnlich. Man sagt Dinge.

Mir ist das aufgefallen. Im Auto werd‘ ich zum Hulk. Nur, dass ich nicht alles kaputt mache. Ich reg‘ mich furchtbar auf und dann isses aber auch wieder gut. Hier musste ich mir eine Alternative überlegen.

Ich wollte unbedingt verhindern, dass mein Kind das Fluchen bzw. die schlimmen Wörter von mir lernt.

Meine Tochter hat mir das leicht gemacht. Sie fand es blöd, wenn ich mich geärgert habe. Also habe ich mich zusammengerissen und vermehrt auf mein Verhalten geachtet. Fürs Autofahren haben meine Tochter und ich uns auf ein „Schimpfwort“ für wirklich doofe Autofahrer überlegt:

„Du doofer/blöder Luftballon.“

Den Ausdruck darf auch meine Tochter benutzen. Wenn ich das sagen darf, dann darf sie es auch.

Überprüfe deine eigene Wortwahl!

Tipp: Fällt es dir sehr schwer, das Fluchen zu vermeiden, kannst du mit deinen Kindern Phantasieworte erfinden. Wie in meinem Fall beim Autofahren.

Natürlich schnappen Kinder alles mögliche von anderen Menschen auf. Aber dein Verhalten – in Bezug auf Fäkalsprache, Fluchen und Schimpfwörter – prägt deine Kinder in ihrem Umgang damit.

Dass dein Kind gewisse Worte lernt, kannst du nicht verhindern (außer du sperrst es Casper Hauser mäßig im Keller ein :D).

Du kannst und solltest deinem Kind aber beibringen, wie sie damit umgehen sollen.

Warum Kinder Schimpfworte so spannend finden

Ein Kind merkt schnell, wenn es eine neue Methode gefunden hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Benutzung bestimmter Worte ist solch eine Methode.

Meistens geht es in erster Linie um die Aufmerksamkeit seiner Eltern. Ein Kind braucht diese Aufmerksamkeit, um gut aufwachsen zu können.

„Mama, guck mal!“

Das ist der Satz, den ich am häufigsten von meinen Kindern höre.

Kinder testen Grenzen aus und experimentieren herum: Was passiert, wenn ich „Blöde Kuh“ oder „Scheiße“ sage? Oder „verdammt“? Reagieren die Eltern immer gleich?

Wenn dein Kind ein Schimpfwort lernt

Hört und lernt dein Kind ein neues Wort, weiß es noch nicht, was es bedeutet. Das Kind hat es ja gerade zum ersten Mal gehört. Bzw. ist jetzt in der Lage, das Wort auch auszusprechen und zu benutzen.

Und ein neues Wort wird benutzt; denn es klingt interessant, will geübt werden, und was es genau heißt, das wär doch mal toll zu wissen. Und wie andere auf das neue Wort reagieren sollte unbedingt auch direkt ausprobiert werden.

Szenario 1:

Ein vierjähriges Mädchen fährt mit dem Fahrrad durch die Straße. Einige Nachbarn sind in ihren Vorgärten. Das Mädchen fährt ein Stück weit weg, unterhält sich mit einem Kind, kommt nach kurzer Zeit zurück.

Langsam radelt sie an. Seine Mutter unterhält sich mit einer anderen Mutter. Dem Mädchen wird kein Blick geschenkt. Bis es den Mund auftut und viel zu laut ruft:

„Aaarsch-loooch.“

Die Mutter des Mädchens wird wütend und rastet total aus.

„WO HAST DU DIESES WORT HER?“

Sie hält ihrer Tochter eine Standpredigt und endet mit:

„…und heute darfst du kein Eis mehr essen und kein Fernsehen! Wir gehen jetzt nach Hause!“

Gestresste Mutter, frustriertes Kind.

Szenario 2:

Ein vierjähriges Mädchen fährt mit dem Fahrrad durch die Straße. Einige Nachbarn sind in ihren Vorgärten. Das Mädchen fährt ein Stück weit weg, unterhält sich mit einem Kind, kommt nach kurzer Zeit zurück.

Langsam radelt sie an. Seine Mutter unterhält sich mit einer anderen Mutter. Dem Mädchen wird kein Blick geschenkt. Bis es den Mund auftut und viel zu laut ruft:

„Aaarsch-loooch.“

Die Mutter des Mädchens schnauft durch. Denkt nach. Macht ein ernstes Gesicht. Fragt ihre Tochter:

„Wo hast du das Wort denn gelernt?“

Die Tochter sagt recht gelangweilt:

„Äääh. Vom dem einen Jungen da. Der hat Arschloch gesagt, dann habe ich auch Arschloch gesagt.“

Die Mutter atmet noch einmal tief ein und sagt:

„Ich find das Wort nicht schön. Ich möchte nicht, dass du das sagst. Das ist ein böses Wort.“

Das Mädchen fährt weg und ruft noch ein paar Mal „Arschloch“.

Die Mutter lässt das Kind fahren, sammelt sich und spricht es zu gegebener Zeit an.

In den oben beschriebenen Szenarien bekommt das Kind, durch die Benutzung eines unliebsamen Wortes, die Aufmerksamkeit derer, die es gehört haben.

Die Situation ist blöd. Die Mutter ist als Beteiligte im Szenario die Person, die reagieren muss. Und das schnell. Die Nachbarn, die es gehört haben, gucken schon.

Szenario 1 und 2 haben sich vor zwei Tagen bei uns vor der Haustür abgespielt.

Im Affekt und im ersten Moment hatte ich das Bedürfnis, zu meiner Tochter zu gehen, sie vom Rad zu holen und Zuhause mir ihr zu schimpfen. Alternativ Szenario 1.

Aber ich erinnerte mich daran, dass sie nicht wusste, was sie da sagte. Die wahre Bedeutung eines Schimpfwortes ist einem Kind nicht bewusst. Es plappert einfach nach. Woher soll meine Tochter denn wissen, was es bedeutet? Arsch bedeutet halt Popo und Loch ist auch kein schlimmes Wort. Dass zwei relativ normale Worte zusammen ein sehr schlimmes ergeben, wenn man das zu jemandem sagt – woher soll ein Kind das wissen?

Also entschied ich mich für Szenario 2. Die Mutter, mit der ich mich unterhalten hatte, reagierte wie im ersten Beispiel. Ihr Sohn war etwas älter als meine Tochter, kannte das Wort offensichtlich schon und stieg direkt darauf ein.

Meine Tochter ist einfach weggefahren und hat ihr Wort noch ein paar Mal getestet. Ich hab die Blicke der Nachbarn gespürt und erst mal nicht weiter reagiert.

Warum?

  • Weil meine Tochter aufgedreht war. Sie und der Sohn der anderen Mutter triggerten sich natürlich auch gegenseitig und stachelten sich an. In solch einem Moment ein bestimmtes Verhalten zu verbieten oder erzwingen zu wollen, ist wie in der Wüste Staub zu saugen: sinnlos.
  • Die Tochter ist weg gefahren. Sie wollte jetzt nicht reden. Zwang bringt nichts, wenn du willst, dass dir dein Kind zuhört und nicht nur Worte vernimmt.
  • Da ich sie ohnehin nicht bestrafen wollte, konnte unser Gespräch warten.

Erklärungen statt Strafe

Am Abend des selben Tages wollte ich das Thema nicht mehr ansprechen, die Tochter war zu müde und nicht „in the mood“. Tags drauf hatten wir wenige ruhige Momente.

Dafür kam Fräulein Chaos, meine Tochter, heute dann von selbst auf das Thema zu sprechen.

Es fing damit an, dass nach dem üblichen Chaos irgendwas endlich geklappt hatte und dann funktionierte und ich sagte:

„Das war eine schwere Geburt.“

Fräulein Chaos rief entsetzt:

„Aber Mama! Das ist doch ein böses Wort! Das darfst du nicht sagen!“

Hä? Ich überlegte. Mir fiel ein, dass wir das Wort „Missgeburt“ vorige Woche zu den „schlimmen/bösen“ Wörtern gezählt hatten. Da kommt das Wort ‚Geburt‘ drin vor. Deswegen dachte meine Tochter, es sei schlimm.

„Ich sagte: ‚Das war eine schwere Geburt.‘ Das sagt man so, wenn etwas endlich geklappt hat. Geburt ist kein schlimmes Wort. Du weißt doch, was Geburt heißt.“

„Neeein?“

sagte sie scheinheilig. Sie liebt es, wenn ich Dinge erkläre. Aber nur, wenn sie Bock hat, zu reden. Wie in diesem Moment.

„Na klar. Bei der Geburt kommt doch das Baby auf die Welt. Du warst bei deiner Geburt sogar dabei. Du und ich. Und der Papa. Da bist du aus meinem Bauch gekommen. Bei deiner Geburt.“

Sie nickte. Hatte sie ja nicht zum ersten Mal gehört. Also fuhr ich fort:

„Das Wort, das böse ist, ist ‚Missgeburt‘.“

„Ah, Missgeburt.“

sagte sie. Sie musste direkt ausnutzen, dass sie es sagen darf, weil ich es gesagt habe und sie mich ja nur wiederholt. Schlaues, kleines Mädchen.

Man muss einem Kind auch die Möglichkeit geben, gewisse Worte in einem neutralen Rahmen zu benutzen. Um die Faszination und den Reiz auch raus zu nehmen. Verbotene Dinge reizen einfach.

Deswegen schimpfte ich nicht, sondern redete normal weiter:

„Genau. ‚Missgeburt‘ ist ein Schimpfwort, das man zu Leuten sagt, die z. B. mit einer Behinderung geboren sind, denen ein Arm fehlt und sowas, um diese Leute zu beleidigen, zu verletzen. Das tut weh, wenn jemand das zu einem sagt. Es ist gemein. Denn der Mensch, der so geboren wurde, kann ja nichts dafür. Du hast braune Haare, so wie ich, wir wurden so geboren. Wir können nichts dafür. Und so können missgebildete Menschen nichts für ihre Behinderung.“

Meine Tochter nickte zustimmend und schaute etwas traurig drein. „Oh.“ Ich redete extra langsam und machte zwischendrin kurze Pausen. Ich wollte, dass sie es, soweit sie konnte, versteht. Bisher schien es zu klappen. Nur nicht zu viele Informationen…

„Und deswegen soll man Missgeburt nicht zu jemandem sagen. Es ist ein Schimpfwort. Es ist nur da um zu beleidigen und um zu verletzen.“

„Und Arschloch ist auch ein böses Wort, gell?“

Das neue Wort. Auch das musste wiederholt, gesagt und „entzaubert“ werden:

„Ja, Schatz, das ist ein sehr böses Schimpfwort. Also das ist schon echt schlimm. Weißt du, was es heißt?“

„Nein.“

„Das Wort ‚Arsch‘ kennst du ja, das sagt man manchmal zum Popo. Das ist auch kein soo schönes Wort. Aber auch nicht soo schlimm. Und das Wort „Loch“ kennst du, das ist kein schlimmes Wort. Aber mit dem „Arschloch“ ist ist das Loch im Popo gemeint, aus dem das Kacka kommt. Das ist eine schlimme Beleidigung, weil man damit sagen will, dass der andere eklig, wie Kacka, ist.“

Die Tochter verzog angeekelt das Gesicht. Dann zog sie eine Schnute und schaute ganz traurig.

„Okay Mama. Entschuldigung. Das habe ich nicht gewusst.“

Ich wusste, was sie brauchte.

„Ist doch okay.“

„Ich hab das auch nur zu dem Jungen gesagt, weil der das zu mir gesagt hat!“

„Das verstehe ich doch. Ich bin dir nicht böse. Aber denk bitte dran: nur, weil jemand was Böses zu dir sagt, musst du nichts Böses zurück sagen. Geh einfach weg oder komm zu mir.“

„Okay Mama. Entschuldigung.“

„Komm her.“

Meine Tochter holte sich ein paar Kuscheleinheiten bei mir ab. Aber wirklich nur ein paar, sie kuschelt nicht gern. Als sie schon wieder am aufspringen war, strich ich ihr noch übers Haar. Ich sah ihr nach. Das war nicht das erste Gespräch dieser Art gewesen. Aber sie versteht mit jedem Monat, den sie älter wird, doch wieder ein bisschen mehr. Und dieses mal hat sie es eben wieder besser verstanden als die zwanzig Mal davor.

Es ist wichtig, dass ein Kind versteht, WARUM es bestimmte Worte nicht sagen soll.

„Das sagen wir nicht!“

Auch ich erwische mich dabei, wie ich diesen Satz gebrauche.

Fakt ist: Das ist kein schlechtes Argument – denn es ist gar KEIN Argument!

Die noch schlechtere Version dieses Satzes ist:

„Das sagt man nicht!“

Welches Arschloch hat diese Floskel erfunden? Was soll bitte ein kleines Kind aus so einem verdammt beschissenen Satz für sich mitnehmen? Wer zum Fick ist „man“? Was soll dieses bekackte „wir“? Das sind diese verfluchten Sätze, die unsere Mütter früher gesagt haben. Wir dachten: „Was zur Hölle?“ und hassten diese Sätze wie die Pest! Und dann, Jahre später, sagt man so ’ne Scheiße selbst. (Sorry, da hatte sich wohl was aufgestaut. Ghetto-Modus off.)

Nee, im Ernst. Kinder brauchen klare Ansagen. Sie müssen verstehen. Aber dafür bist du – liebe Mutter, lieber Vater, liebe sonstige Bezugsperson, die sich um ein oder mehrere Kinder kümmert – auch mit verantwortlich.

Man kann leider nicht nur warten und hoffen, dass die Kinder gelernte Worte wieder vergessen. Es ist durchaus sinnvoll, im Kopf durchzuspielen, wie man reagieren möchte. Das hilft. Ich bin ganz schön erschrocken, als Fräulein Chaos, mein liebes, kleines Mädchen, ein – m. E. sehr schlimmes – Wort durch die Nachbarschaft brüllte. Und das nicht nur ein Mal. Sie versuchte es sogar mit einer direkten Provokation gegen mich:

„Du Arschloch!“

Direkt in mein Gesicht. Volle Konfrontation. Und jetzt stand ich da. Aber ich war vorbereitet. Irgendwie…

Ich bin fast froh, dass wir in einer neutralen Umgebung waren und sie weg geradelt ist. So hatte ich etwas Zeit mich zu sammeln. Sonst hätte ich vielleicht auch wie in Szenario 1 reagiert.

Egal, wie blöd man in dem Moment manchmal auch reagiert: es ist wichtig, dem Kind direkt zu sagen und zu zeigen, dass man das nicht gut findet. Dann kann es wenigstens einschätzen, in welche Richtung es geht. Wenn ich sie angelächelt hätte, so vor den Nachbarn, ‚Hihi. Kinder…‘, und ihr Zuhause den Hintern versohlt hätte – da versteht doch das Kind die Welt nicht mehr.

Schimpfwörtern mit Empathie begegnen

Menschen sind soziale Wesen. Kinder lernen, sie wollen verstehen. Und dabei lernen sie auch Dinge kennen, mit denen sie vorsichtig sein müssen. So wie es Gegenstände gibt, bei denen man achtsam damit umgehen muss (z. B. Messer), so gilt das auch bei Worten und Phrasen (z. B. Schimpfwörter).

Kinder können das lernen. In erster Linie liegt es mal wieder an uns, den „vernünftigen“ Erwachsenen, den Kindern an unserem Verhalten vorzuleben, wie man umsichtig mit Wörtern umgeht.

Aber fast noch wichtiger wird mit den Jahren das Verständnis über das Wie und Warum.

Kleinkinder sind schon früh in der Lage, zu verstehen, wenn jemand traurig ist. Sogar Babys bemerken das. Mit den Jahren kann man den Kindern helfen, mitfühlend und empathisch zu sein. Das hilft Kindern im Umgang mit verbotenen Wörtern. Sie werden mit den Jahren immer besser verstehen: es kann andere Menschen verletzen – bestimmte Personen mitunter schwer beleidigen.

Fluch- und Schimpfwörter sind für Kinder anfangs nur Worte. Eine Reihe von Buchstaben, die ein Wort ergeben. Kindlich und ohne Hintergedanken. Im Gegensatz dazu sind wir Erwachsenen schon unglaublich geprägt. Wir empfinden Worte unterschiedlich schlimm; das hat mit der Erziehung, dem Umfeld und den eigenen Erfahrungen zu tun.

Aber Kinder meinen damit erst mal gar nichts. Daran sollte man wirklich denken. Vor allem dann, wenn das Kind zum ersten Mal vor einem steht und einen ein Arschloch schimpft.

Tipps vom Profi

Meine Therapeutin ist coolerweise auch Familientherapeutin und hat selbst zwei Kinder.

Ich kann Ratschläge zur Erziehung und zu Kindern allgemein besser von Leuten annehmen, die selbst Kinder haben.

So vorurteilsfrei ich auch immer versuche zu sein – aber ich hab da mittlerweile eine klare Meinung:

Wer kein Kind/keine Kinder hat, die bei einem wohnen und 24/7 versorgt werden wollen – den kann ich bei bestimmten Ratschlägen einfach nicht ernst nehmen. Sorry.

Glücklicherweise ist meine Therapetin vom Fach und soviel ich auch rumheul, sie hat immer gute Tipps.

Zu den Schimpfwörtern schlug sie mir Folgendes vor:

Sie sagte, man könne mit den Wörtern auch spielen. Wenn meine Tochter nun also vor mir stehe und mich ein Arschloch schimpft, dann soll ich sagen:

„Hm, okay, und du bist ein Pipopipapo [irgendein erfundenes Wort, dem sind keine Grenzen gesetzt!!!]“

Ich hab es selbst ausprobiert und das ist der helle Wahnsinn!

Der Schlüssel, die Lösung, das Kryptonit: Phantasie-Wörter!!

Kinder steigen auf dieses Spiel, denn das ist es letztendlich für sie, sofort ein.

Sie antworten etwas. Unter Garantie. Mit einem neuen Phantasiewort. Nagel mich fest, falls es bei Dir nicht so ist!

Meine Tochter und ich haben uns voll das crazy-words-phantasy-battle gegeben. Voll cool. Ich hab keine Ahnung mehr von auch nur einem einzigen Wort 😀

Wenn Du also das nächste mal wie Homer von den Simpsons reagierst – i know that feel, sister – …

… dann erinner Dich an diesen Text♥ und fühl Dich gedrückt!

Es war nicht das erste und sicher nicht das letzte Gespräch, das ich mit meiner Tochter über böse Wörter hatte. Wir haben einen ganz guten Umgang damit gefunden. Bis jetzt.

Ihre Beleidigung für mich, mit der ich leben muss (und kann), ist:

„Mama, du bist Kacka!“

Es hat etwas Zeit gebraucht. Erst hab ich es ignoriert. Weil sowas aber Aufmerksamkeit erzeugen soll, kommt das dann in Endlosschleife. So lange, bis du es nicht mehr ignorierst. Ich habe es aber zu lange ignoriert, bis die Tochter voll aufgedreht hat, an einem Tag, als es mir eh nicht so gut ging.

Da hab ich mich dann furchtbar aufgeregt, auch wegen der angestauten Wut der Tausend vorherigen „Mama-du-bist-Kacka“ Attacken. Ich konnte sie nur dauernd anschnauzen, dass sie das gefälligst lassen sollte! Was hats gebracht? Genau. Nichts. Null. Nada. Zero.

Dann wollte ich es ihr anders „abgewöhnen“. Aber ich mein, was soll ich machen, sie schlagen? Da müsst ich schon so richtig verzweifelt sein.

Und dann dachte ich okay, es gibt schlimmeres. Irgendwas muss man den Kindern doch auch erlauben, das sie mal rauslassen können. Ich fluche auch (nur nicht in Anwesenheit der Kinder, das hab ich echt drauf!).

Meine Tochter benutzt ihr Schimpfwort für mich auch nur, wenn sie echt böse mit mir ist. Oder Aufmerksamkeit will, weil sie müde ist. Abends bin ich meistens Kacka. Lol, okay.

Statt beleidigt zu sein, die Aufmerksamkeit zu verweigern und den Kreislauf von Neuem beginnen zu lassen, gebe ich meiner Tochter, was sie sucht: Aufmerksamkeit.

Das wird jetzt lustig, wenn demnächst mein Sohn von zwei Jahren auch damit anfängt. Manchmal, wenn er seine fünf Minuten hat, schreit er „Scheiße“. Jaja. Hat er vom Papa und vom Opa gelernt.

Er belässt es normal dabei, wenn ich ihm Aufmerksamkeit schenke. Bekommt Fräulein Chaos das allerdings mit – gute Nacht. Dann triggern die sich da brutal. Ich geh dann meistens aus Raum und komm zurück, wenn sie sich beruhigt haben. Hier helfen keine Argumente, nur starke Nerven.

Hinweis: Es geht um Schimpfwörter bei Kindern. Mit den Jahren verändert sich alles, auch das Verhältnis zu bestimmten Worten. Über das lose Mundwerk von Teenagern reden wir dann – so in acht oder neun Jahren 😀

Kinder und die verdammten Schimpfwörter

Eben sagt dein süßes Baby noch „Dada“ – und die Verzückung ist groß! Irgendwann, ein paar Jahre später, da wirst du dich in bestimmten Momenten nach dieser Zeit sehnen. Beispielsweise, wenn du Jahre später mit deinem vierjährigen Kind draußen bist und es plötzlich durch die Straße brüllt:

„Aaarschloooch!“

Kinder ahmen ihre Umwelt gründlich nach. Sie beobachten und imitieren. Und das schon sehr lange, bevor sie Dinge überhaupt verstehen.

Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir passen uns anderen Menschen an. Diese Anpassung könnte man auch Nachahmung nennen: wir ahmen bestimmte Muster und Verhaltensweisen nach, z. B. um eine gewisse Basis zu Anderen aufzubauen.

Das ist natürlich. Und Kinder lernen unglaublich schnell. Deswegen ist es unumgänglich, dass dein Kind irgendwann Worte hört, (kennen)lernt und sagt, die dir nicht gefallen und die du aus seinem Mund nicht hören möchtest.

Wie du am besten reagierst, wenn dein Kind Schimpfwörter benutzt und wie du mit dem Thema allgemein umgehen kannst, erzähle ich dir hier.

Von "Dada" zu "Kacka"

Das Sprechen will erst mal gelernt sein

Eltern freuen sich ganz besonders über die ersten Worte ihres Kindes.

Wenn dem Mund des Babys statt des Gurrens, Jauchzens, Brummens und Brabbelns plötzlich ein „Da“ entspringt, ist die Freude meist riesig:

„DA! Ja! Sagst du ‚DA‘? Oh, du bist so ein kluges Kind! Schatz, hast du das gehört? Da! Sag noch mal ‚Da‘! Dada, dada, da, …“

(Stell dir die Aussage in einer so hohen Tonhöhe vor, in der du sie grad noch so hören kannst.)

„Da“ ist oft das erste „Wort“, das Babys aussprechen können. Es ist in vielen Sprachen sogar ein richtiges Wort. Es bedeutet auf Deutsch (u. a.) „dort“ oder auch „weil“, auf Russisch „ja“, usw.

Einfache Silben sind meistens die ersten Buchstaben, die den Kindern über die Lippen kommen.

Als Elternteil zählt man diesen Fortschritt unter die Kategorie erste Wörter.

Natürlich ist den meisten Eltern bewusst, dass das Baby nur aus Versehen ein „richtiges Wort“ benutzt hat.

Nichtsdestotrotz ist es ein Meilenstein und riesen Fortschiritt: Hat das Kind einmal damit angefangen, Buchstabenkombinationen zu benutzen (und auf freudige Reaktionen zu stoßen), wird es nicht mehr damit aufhören, diese Fähigkeit mit den Jahren zu trainieren und auszubauen.

Aus Silben werden Worte; irgendwann werden diese auch richtig ausgesprochen. Und nach einigen Jahren diskutierst du mit deinem Kind, warum es heute kein fünftes Eis bekommt, warum es nach dem Benutzen der Toilette abziehen soll und wieso sie es nicht nackt durch die Straße laufen darf.

Oft schon bevor das Kind überhaupt anständig diskutieren kann, schnappt es die ersten Schimpfwörter auf. Oder ruft „Scheiße!“

Weißt du noch, damals...?

Wo hat das Kind seine Schimpfwörter her?

Man denkt bei der Herkunft dieser Wörter zuerst an den Kindergarten. Oder an andere Kinder. Die Nachbarn. Das „böse“ Fernsehen.

Aber man selbst hat als Elternteil den größten Einfluss auf sein Kind.

Kinder haben gute Antennen und schnappen viel auf, selbst wenn wir das gar nicht merken. In vielen Situationen ist uns auch nicht bewusst, dass unser Kind uns gerade beobachtet oder uns zuhört.

Bestes Beispiel: Autofahren. Normalerweise sitzt man als Erwachsener vorn und die Kinder hinten. Wenn man sich auf den Verkehr konzentriert und es hinten ruhig ist, könnte man schon mal kurz „vergessen“, dass sie da sind. Und in einer brenzligen oder nervigen Verkehrssituation rutscht dir halt mal was raus:

„Pass doch auf du Penner!“

„Fahr doch, du Idiot!“

Oder so ähnlich. Man sagt Dinge.

Mir ist das aufgefallen. Im Auto werd‘ ich zum Hulk. Nur, dass ich nicht alles kaputt mache. Ich reg‘ mich furchtbar auf und dann isses aber auch wieder gut. Hier musste ich mir eine Alternative überlegen.

Ich wollte unbedingt verhindern, dass mein Kind das Fluchen bzw. die schlimmen Wörter von mir lernt.

Meine Tochter hat mir das leicht gemacht. Sie fand es blöd, wenn ich mich geärgert habe. Also habe ich mich zusammengerissen und vermehrt auf mein Verhalten geachtet. Fürs Autofahren haben meine Tochter und ich uns auf ein „Schimpfwort“ für wirklich doofe Autofahrer überlegt:

„Du doofer/blöder Luftballon.“

Den Ausdruck darf auch meine Tochter benutzen. Wenn ich das sagen darf, dann darf sie es auch.

Überprüfe deine eigene Wortwahl!

Tipp: Fällt es dir sehr schwer, das Fluchen zu vermeiden, kannst du mit deinen Kindern Phantasieworte erfinden. Wie in meinem Fall beim Autofahren.

Natürlich schnappen Kinder alles mögliche von anderen Menschen auf. Aber dein Verhalten – in Bezug auf Fäkalsprache, Fluchen und Schimpfwörter – prägt deine Kinder in ihrem Umgang damit.

Dass dein Kind gewisse Worte lernt, kannst du nicht verhindern (außer du sperrst es Casper Hauser mäßig im Keller ein :D).

Du kannst und solltest deinem Kind aber beibringen, wie sie damit umgehen sollen.

Warum Kinder Schimpfworte so spannend finden

Ein Kind merkt schnell, wenn es eine neue Methode gefunden hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Benutzung bestimmter Worte ist solch eine Methode.

Meistens geht es in erster Linie um die Aufmerksamkeit seiner Eltern. Ein Kind braucht diese Aufmerksamkeit, um gut aufwachsen zu können.

„Mama, guck mal!“

Das ist der Satz, den ich am häufigsten von meinen Kindern höre.

Kinder testen Grenzen aus und experimentieren herum: Was passiert, wenn ich „Blöde Kuh“ oder „Scheiße“ sage? Oder „verdammt“? Reagieren die Eltern immer gleich?

Wenn dein Kind ein Schimpfwort lernt

Hört und lernt dein Kind ein neues Wort, weiß es noch nicht, was es bedeutet. Das Kind hat es ja gerade zum ersten Mal gehört. Bzw. ist jetzt in der Lage, das Wort auch auszusprechen und zu benutzen.

Und ein neues Wort wird benutzt; denn es klingt interessant, will geübt werden, und was es genau heißt, das wär doch mal toll zu wissen. Und wie andere auf das neue Wort reagieren sollte unbedingt auch direkt ausprobiert werden.

Szenario 1:

Ein vierjähriges Mädchen fährt mit dem Fahrrad durch die Straße. Einige Nachbarn sind in ihren Vorgärten. Das Mädchen fährt ein Stück weit weg, unterhält sich mit einem Kind, kommt nach kurzer Zeit zurück.

Langsam radelt sie an. Seine Mutter unterhält sich mit einer anderen Mutter. Dem Mädchen wird kein Blick geschenkt. Bis es den Mund auftut und viel zu laut ruft:

„Aaarsch-loooch.“

Die Mutter des Mädchens wird wütend und rastet total aus.

„WO HAST DU DIESES WORT HER?“

Sie hält ihrer Tochter eine Standpredigt und endet mit:

„…und heute darfst du kein Eis mehr essen und kein Fernsehen! Wir gehen jetzt nach Hause!“

Gestresste Mutter, frustriertes Kind.

Szenario 2:

Ein vierjähriges Mädchen fährt mit dem Fahrrad durch die Straße. Einige Nachbarn sind in ihren Vorgärten. Das Mädchen fährt ein Stück weit weg, unterhält sich mit einem Kind, kommt nach kurzer Zeit zurück.

Langsam radelt sie an. Seine Mutter unterhält sich mit einer anderen Mutter. Dem Mädchen wird kein Blick geschenkt. Bis es den Mund auftut und viel zu laut ruft:

„Aaarsch-loooch.“

Die Mutter des Mädchens schnauft durch. Denkt nach. Macht ein ernstes Gesicht. Fragt ihre Tochter:

„Wo hast du das Wort denn gelernt?“

Die Tochter sagt recht gelangweilt:

„Äääh. Vom dem einen Jungen da. Der hat Arschloch gesagt, dann habe ich auch Arschloch gesagt.“

Die Mutter atmet noch einmal tief ein und sagt:

„Ich find das Wort nicht schön. Ich möchte nicht, dass du das sagst. Das ist ein böses Wort.“

Das Mädchen fährt weg und ruft noch ein paar Mal „Arschloch“.

Die Mutter lässt das Kind fahren, sammelt sich und spricht es zu gegebener Zeit an.

In den oben beschriebenen Szenarien bekommt das Kind, durch die Benutzung eines unliebsamen Wortes, die Aufmerksamkeit derer, die es gehört haben.

Die Situation ist blöd. Die Mutter ist als Beteiligte im Szenario die Person, die reagieren muss. Und das schnell. Die Nachbarn, die es gehört haben, gucken schon.

Szenario 1 und 2 haben sich vor zwei Tagen bei uns vor der Haustür abgespielt.

Im Affekt und im ersten Moment hatte ich das Bedürfnis, zu meiner Tochter zu gehen, sie vom Rad zu holen und Zuhause mir ihr zu schimpfen. Alternativ Szenario 1.

Aber ich erinnerte mich daran, dass sie nicht wusste, was sie da sagte. Die wahre Bedeutung eines Schimpfwortes ist einem Kind nicht bewusst. Es plappert einfach nach. Woher soll meine Tochter denn wissen, was es bedeutet? Arsch bedeutet halt Popo und Loch ist auch kein schlimmes Wort. Dass zwei relativ normale Worte zusammen ein sehr schlimmes ergeben, wenn man das zu jemandem sagt – woher soll ein Kind das wissen?

Also entschied ich mich für Szenario 2. Die Mutter, mit der ich mich unterhalten hatte, reagierte wie im ersten Beispiel. Ihr Sohn war etwas älter als meine Tochter, kannte das Wort offensichtlich schon und stieg direkt darauf ein.

Meine Tochter ist einfach weggefahren und hat ihr Wort noch ein paar Mal getestet. Ich hab die Blicke der Nachbarn gespürt und erst mal nicht weiter reagiert.

Warum?

  • Weil meine Tochter aufgedreht war. Sie und der Sohn der anderen Mutter triggerten sich natürlich auch gegenseitig und stachelten sich an. In solch einem Moment ein bestimmtes Verhalten zu verbieten oder erzwingen zu wollen, ist wie in der Wüste Staub zu saugen: sinnlos.
  • Die Tochter ist weg gefahren. Sie wollte jetzt nicht reden. Zwang bringt nichts, wenn du willst, dass dir dein Kind zuhört und nicht nur Worte vernimmt.
  • Da ich sie ohnehin nicht bestrafen wollte, konnte unser Gespräch warten.
Wichtige Gespräche mit seinem Kind sollte man in einer ruhigen "Minute" in einer entspannten Atmosphäre führen, wenn das Kind bereit zum Reden und Zuhören ist.

Erklärungen statt Strafe

Am Abend des selben Tages wollte ich das Thema nicht mehr ansprechen, die Tochter war zu müde und nicht „in the mood“. Tags drauf hatten wir wenige ruhige Momente.

Dafür kam Fräulein Chaos, meine Tochter, heute dann von selbst auf das Thema zu sprechen.

Es fing damit an, dass nach dem üblichen Chaos irgendwas endlich geklappt hatte und dann funktionierte und ich sagte:

„Das war eine schwere Geburt.“

Fräulein Chaos rief entsetzt:

„Aber Mama! Das ist doch ein böses Wort! Das darfst du nicht sagen!“

Hä? Ich überlegte. Mir fiel ein, dass wir das Wort „Missgeburt“ vorige Woche zu den „schlimmen/bösen“ Wörtern gezählt hatten. Da kommt das Wort ‚Geburt‘ drin vor. Deswegen dachte meine Tochter, es sei schlimm.

„Ich sagte: ‚Das war eine schwere Geburt.‘ Das sagt man so, wenn etwas endlich geklappt hat. Geburt ist kein schlimmes Wort. Du weißt doch, was Geburt heißt.“

„Neeein?“

sagte sie scheinheilig. Sie liebt es, wenn ich Dinge erkläre. Aber nur, wenn sie Bock hat, zu reden. Wie in diesem Moment.

„Na klar. Bei der Geburt kommt doch das Baby auf die Welt. Du warst bei deiner Geburt sogar dabei. Du und ich. Und der Papa. Da bist du aus meinem Bauch gekommen. Bei deiner Geburt.“

Sie nickte. Hatte sie ja nicht zum ersten Mal gehört. Also fuhr ich fort:

„Das Wort, das böse ist, ist ‚Missgeburt‘.“

„Ah, Missgeburt.“

sagte sie. Sie musste direkt ausnutzen, dass sie es sagen darf, weil ich es gesagt habe und sie mich ja nur wiederholt. Schlaues, kleines Mädchen.

Man muss einem Kind auch die Möglichkeit geben, gewisse Worte in einem neutralen Rahmen zu benutzen. Um die Faszination und den Reiz auch raus zu nehmen. Verbotene Dinge reizen einfach.

Deswegen schimpfte ich nicht, sondern redete normal weiter:

„Genau. ‚Missgeburt‘ ist ein Schimpfwort, das man zu Leuten sagt, die z. B. mit einer Behinderung geboren sind, denen ein Arm fehlt und sowas, um diese Leute zu beleidigen, zu verletzen. Das tut weh, wenn jemand das zu einem sagt. Es ist gemein. Denn der Mensch, der so geboren wurde, kann ja nichts dafür. Du hast braune Haare, so wie ich, wir wurden so geboren. Wir können nichts dafür. Und so können missgebildete Menschen nichts für ihre Behinderung.“

Meine Tochter nickte zustimmend und schaute etwas traurig drein. „Oh.“ Ich redete extra langsam und machte zwischendrin kurze Pausen. Ich wollte, dass sie es, soweit sie konnte, versteht. Bisher schien es zu klappen. Nur nicht zu viele Informationen…

„Und deswegen soll man Missgeburt nicht zu jemandem sagen. Es ist ein Schimpfwort. Es ist nur da um zu beleidigen und um zu verletzen.“

„Und Arschloch ist auch ein böses Wort, gell?“

Das neue Wort. Auch das musste wiederholt, gesagt und „entzaubert“ werden:

„Ja, Schatz, das ist ein sehr böses Schimpfwort. Also das ist schon echt schlimm. Weißt du, was es heißt?“

„Nein.“

„Das Wort ‚Arsch‘ kennst du ja, das sagt man manchmal zum Popo. Das ist auch kein soo schönes Wort. Aber auch nicht soo schlimm. Und das Wort „Loch“ kennst du, das ist kein schlimmes Wort. Aber mit dem „Arschloch“ ist ist das Loch im Popo gemeint, aus dem das Kacka kommt. Das ist eine schlimme Beleidigung, weil man damit sagen will, dass der andere eklig, wie Kacka, ist.“

Die Tochter verzog angeekelt das Gesicht. Dann zog sie eine Schnute und schaute ganz traurig.

„Okay Mama. Entschuldigung. Das habe ich nicht gewusst.“

Ich wusste, was sie brauchte.

„Ist doch okay.“

„Ich hab das auch nur zu dem Jungen gesagt, weil der das zu mir gesagt hat!“

„Das verstehe ich doch. Ich bin dir nicht böse. Aber denk bitte dran: nur, weil jemand was Böses zu dir sagt, musst du nichts Böses zurück sagen. Geh einfach weg oder komm zu mir.“

„Okay Mama. Entschuldigung.“

„Komm her.“

Meine Tochter holte sich ein paar Kuscheleinheiten bei mir ab. Aber wirklich nur ein paar, sie kuschelt nicht gern. Als sie schon wieder am aufspringen war, strich ich ihr noch übers Haar. Ich sah ihr nach. Das war nicht das erste Gespräch dieser Art gewesen. Aber sie versteht mit jedem Monat, den sie älter wird, doch wieder ein bisschen mehr. Und dieses mal hat sie es eben wieder besser verstanden als die zwanzig Mal davor.

Es ist wichtig, dass ein Kind versteht, WARUM es bestimmte Worte nicht sagen soll.

„Das sagen wir nicht!“

Auch ich erwische mich dabei, wie ich diesen Satz gebrauche.

Fakt ist: Das ist kein schlechtes Argument – denn es ist gar KEIN Argument!

Die noch schlechtere Version dieses Satzes ist:

„Das sagt man nicht!“

Welches Arschloch hat diese Floskel erfunden? Was soll bitte ein kleines Kind aus so einem verdammt beschissenen Satz für sich mitnehmen? Wer zum Fick ist „man“? Was soll dieses bekackte „wir“? Das sind diese verfluchten Sätze, die unsere Mütter früher gesagt haben. Wir dachten: „Was zur Hölle?“ und hassten diese Sätze wie die Pest! Und dann, Jahre später, sagt man so ’ne Scheiße selbst. (Sorry, da hatte sich wohl was aufgestaut. Ghetto-Modus off.)

Nee, im Ernst. Kinder brauchen klare Ansagen. Sie müssen verstehen. Aber dafür bist du – liebe Mutter, lieber Vater, liebe sonstige Bezugsperson, die sich um ein oder mehrere Kinder kümmert – auch mit verantwortlich.

Man kann leider nicht nur warten und hoffen, dass die Kinder gelernte Worte wieder vergessen. Es ist durchaus sinnvoll, im Kopf durchzuspielen, wie man reagieren möchte. Das hilft. Ich bin ganz schön erschrocken, als Fräulein Chaos, mein liebes, kleines Mädchen, ein – m. E. sehr schlimmes – Wort durch die Nachbarschaft brüllte. Und das nicht nur ein Mal. Sie versuchte es sogar mit einer direkten Provokation gegen mich:

„Du Arschloch!“

Direkt in mein Gesicht. Volle Konfrontation. Und jetzt stand ich da. Aber ich war vorbereitet. Irgendwie…

Ich bin fast froh, dass wir in einer neutralen Umgebung waren und sie weg geradelt ist. So hatte ich etwas Zeit mich zu sammeln. Sonst hätte ich vielleicht auch wie in Szenario 1 reagiert.

Egal, wie blöd man in dem Moment manchmal auch reagiert: es ist wichtig, dem Kind direkt zu sagen und zu zeigen, dass man das nicht gut findet. Dann kann es wenigstens einschätzen, in welche Richtung es geht. Wenn ich sie angelächelt hätte, so vor den Nachbarn, ‚Hihi. Kinder…‘, und ihr Zuhause den Hintern versohlt hätte – da versteht doch das Kind die Welt nicht mehr.

Schimpfwörtern mit Empathie begegnen

Menschen sind soziale Wesen. Kinder lernen, sie wollen verstehen. Und dabei lernen sie auch Dinge kennen, mit denen sie vorsichtig sein müssen. So wie es Gegenstände gibt, bei denen man achtsam damit umgehen muss (z. B. Messer), so gilt das auch bei Worten und Phrasen (z. B. Schimpfwörter).

Kinder können das lernen. In erster Linie liegt es mal wieder an uns, den „vernünftigen“ Erwachsenen, den Kindern an unserem Verhalten vorzuleben, wie man umsichtig mit Wörtern umgeht.

Aber fast noch wichtiger wird mit den Jahren das Verständnis über das Wie und Warum.

Kleinkinder sind schon früh in der Lage, zu verstehen, wenn jemand traurig ist. Sogar Babys bemerken das. Mit den Jahren kann man den Kindern helfen, mitfühlend und empathisch zu sein. Das hilft Kindern im Umgang mit verbotenen Wörtern. Sie werden mit den Jahren immer besser verstehen: es kann andere Menschen verletzen – bestimmte Personen mitunter schwer beleidigen.

Fluch- und Schimpfwörter sind für Kinder anfangs nur Worte. Eine Reihe von Buchstaben, die ein Wort ergeben. Kindlich und ohne Hintergedanken. Im Gegensatz dazu sind wir Erwachsenen schon unglaublich geprägt. Wir empfinden Worte unterschiedlich schlimm; das hat mit der Erziehung, dem Umfeld und den eigenen Erfahrungen zu tun.

Aber Kinder meinen damit erst mal gar nichts. Daran sollte man wirklich denken. Vor allem dann, wenn das Kind zum ersten Mal vor einem steht und einen ein Arschloch schimpft.

Es war nicht das erste und sicher nicht das letzte Gespräch, das ich mit meiner Tochter über böse Wörter hatte. Wir haben einen ganz guten Umgang damit gefunden. Bis jetzt.

Ihre Beleidigung für mich, mit der ich leben muss (und kann), ist:

„Mama, du bist Kacka!“

Es hat etwas Zeit gebraucht. Erst hab ich es ignoriert. Weil sowas aber Aufmerksamkeit erzeugen soll, kommt das dann in Endlosschleife. So lange, bis du es nicht mehr ignorierst. Ich habe es aber zu lange ignoriert, bis die Tochter voll aufgedreht hat, an einem Tag, als es mir eh nicht so gut ging. Da hab ich mich dann furchtbar aufgeregt, auch wegen der angestauten Wut der Tausend vorherigen „Mama-du-bist-Kacka“ Attacken. Ich konnte sie nur dauernd anschnauzen, dass sie das gefälligst lassen sollte! Was hats gebracht? Genau. Nichts.

Dann wollte ich es ihr anders „abgewöhnen“. Aber ich mein, was soll ich machen, sie schlagen? Und dann dachte ich okay, es gibt schlimmeres. Irgendwas muss man den Kindern doch auch erlauben, das sie mal rauslassen können. Ich fluche auch (nur nicht in Anwesenheit der Kinder). Sie sagt es auch nur, wenn sie echt böse mit mir ist. Oder Aufmerksamkeit will.

Statt beleidigt zu sein, die Aufmerksamkeit zu verweigern und den Kreislauf von Neuem beginnen zu lassen, gebe ich meiner Tochter, was sie sucht: Aufmerksamkeit.

Das wird jetzt lustig, wenn demnächst mein Sohn von zwei Jahren auch damit anfängt. Manchmal, wenn er seine fünf Minuten hat, schreit er „Scheiße“. Jaja. Hat er vom Papa und vom Opa gelernt. Er belässt es normal dabei, wenn ich ihm Aufmerksamkeit schenke. Bekommt Fräulein Chaos das allerdings mit – gute Nacht. Dann triggern die sich da brutal. Ich geh dann meistens aus Raum und komm zurück, wenn sie sich beruhigt haben. Hier helfen keine Argumente, nur starke Nerven.

Hinweis: Es geht um Schimpfwörter bei Kindern. Mit den Jahren verändert sich alles, auch das Verhältnis zu bestimmten Worten. Über das lose Mundwerk von Teenagern reden wir dann – so in acht oder neun Jahren 😀

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