Radio Mülltonne – über Stille und Lärm

So leise

Zwei erwachsene Menschen laufen sich auf der Straße entgegen.

Vielleicht lächeln sie sich schon von Weitem an. Oder winken. Ab Hörweite beginnt der „normale“/“zivilisierte“ Mensch dann, den anderen zu begrüßen. Vielleicht sagen sie gleichzeitig etwas und lachen dann. Das ist vermutlich schon der lauteste Teil der Unterhaltung.

Aktuell laufen diese Treffen ohne Umarmungen und sonstigen Körperkontakt ab. Und mit reichlich Abstand.

Und sowieso erscheinen Begegnungen in der Öffentlichkeit sehr viel leiser zu sein, als vor Corona.

Begegnungen auf der Straße fühlen sich seit Wochen merkwürdig an. Und hier sind sie so selten geworden. Wenn wir Leute an unserem Garten vorbeilaufen sehen, dann wohnen sie meistens auch hier in der Straße. Nur selten erblickt man ein fremdes Gesicht. Ich komme weiter unten noch mal darauf zu sprechen.

Ich lese oder höre dauernd durch alle Kanäle Politiker und Menschen des öffentlichen Lebens rumlabern, die Gesellschaft sei sich, trotz des räumlichen Abstands, ja so nah. Leute schreiben sich #alonetogether auf die Stirn, tätoowieren sich „Bitte 1,5 bis 2m Abstand halten“ auf den Hinterkopf. Klatschen für Pflegekräfte. Das ist viel besser als Geld! Jeder hilft jedem und die Gesellschaft ist durch Corona stärker als je zuvor! Die Krise schweißt uns zusammen…

Pipapo. Parolen.

Jedenfalls ertönt von überall angebliches „Friede, Freude, Zuhause-Bleiben und Eierkuchen backen“.

Störfaktor Mensch

Ich erlebe das momentan ganz anders. Viele Begegnungen sind unglaublich schräg. Ich gehe vielleicht so ein Mal in der Woche einkaufen, meistens allein. Ich nutze dafür die späten Abendstunden und fahre – je nach Wochentag – auch mal „etwas außerhalb“ zu ’nem Einkaufsladen. Da ist kaum etwas los, kein Vergleich zu den normalen Stoßzeiten.

Neulich, da stand ich im Laden vor den Keksen. Ein recht junger Typ kam angelaufen und wollte in „meinen“ Gang einbiegen. Sah mich, erstarrte, blieb stehen, machte Kehrt und nahm den nächsten Gang. Krass.

Er hätte hinter mir vorbeilaufen müssen, ist ja nicht so, als könnte ich nicht noch einen Schritt nach vorn gehen. Wären halt keine eineinhalb bis zwei Meter Abstand gewesen. Vorsicht, Junge, in meiner Umlaufbahn befinden sich vielleicht todbringende Viren!

Ich fand das schon heftig. Klar, vielleicht war seine Motivation Rücksichtnahme. Aber er sah für mich wie ein gehetztes Reh aus. Was macht der Kerl nur, wenn er mal wo ist, wo möglicherweise in jedem Gang ein Mensch steht? Vermutlich wird er sich tot stellen. Sowas machen Rehe doch?

Ich war ein Mal zu Hochzeiten (Hoch-Zeiten ;)) einkaufen. Das war die Hölle in Dosen. Und ich dachte von der ersten Sekunde im Laden an: „Oh nein, nein, nein. Nein. Nein. Nie wieder.“ Seitdem „shoppe“ ich mein Gemüse und den Sekt spät abends.

Ich fühle mich unsichtbar

Genau das Gegenteil erlebe ich dann allerdings, wenn ich mich außerhalb des Kriegsgebietes „Supermarkt“ bewege.

So laufen Begegnungen gefühlt noch kälter ab, als in der „normal stressigen“ Zeit vor Corona.

Es passiert, dass wenn wir mit den Kindern einen größeren Spaziergang machen, Leute die Straßenseite wechseln. Oder stehen bleiben, um einen mit hundert Meter Abstand „vorbei“ gehen zu lassen.

Selbst wenn die Reaktion nicht so offensichtlich ist: niemand grüßt!

Okay, niemand ist übertrieben gesagt. Doch die allermeisten der ohnehin schon wenigen Menschen, die man beim Spazieren oder vorm Haus Sitzen so trifft, ignorieren uns. Mich. Egal ob mit oder ohne Kinder.

Ich bin es gewohnt, dass es einen Unterschied gibt, wie man gesehen wird. Wer einen bemerkt. Je nachdem, ob ich allein, mit den Kindern oder mit den Kindern und dem Freund unterwegs bin, bemerken bzw. ignorieren mich/uns unterschiedliche Altersgruppen.

Weniger bekackt ausgedrückt: Bin ich allein unterwegs, ignorieren mich Teenie-Mädchen, Mütter mit Kindern, Frauen in meinem Alter und Pärchen. Dafür bemerken mich männliche Personen.

Mit den Kindern ist es mehr oder weniger umgekehrt. Schon witzig.

Aktuell ist all das egal. Wer einen trifft und kennt, grüßt, nickt, guckt oder lächelt sogar. Unbekannte ignorieren größtenteils. Taubheit wäre die einzig logische Erklärung. Uns überhört man nämlich wirklich nicht. Also so von wegen „Ach, da saßen Leute? Hab ich gar nicht bemerkt, ich war so in Gedanken…“ zieht nicht.

Ich fühle mich unsichtbar.

Gefühlt illegal

Ein Blick und ein freundliches Nicken würden mir ja schon reichen. Ein Lächeln find ich schön. Ein Lächeln mit einem Gruß macht es noch netter.

Oder wenigstens kurz Blickkontakt. Ein Nicken: Scheiß Corona, gell?

Ich meine, was ist los? Denken manche, sie werden verhaftet, wenn sie jemanden ansehen oder gar grüßen? Ignorieren anderer Lebewesen im Kampf gegen Corona? Ja, ein Lächeln wirkt ansteckend. Es infiziert dich aber nicht mit Corona!

Letzte Woche, als ich von der Therapie nach Hause gehen wollte, suchte ich noch ein geeignetes Lied auf dem Handy. Ich lief währenddessen langsam zum Ausgang des Gebäudes, in dem die Sitzungen stattfinden.

Das Geräusch einer zufallenden Tür ließ mich aufsehen und mir standen zwei Menschen gegenüber, offensichtlich ein Paar im mittleren Alter. Sie blieben an der Tür stehen, unschlüssig. Ich grüßte direkt, bewusst sehr freundlich und kurz:

„Hallo.“

„Hallo.“, papageiten sie im Chor. Ich wollte nur raus und hab mir nichts groß dabei gedacht. Der Flur war etwas mehr als einen Meter breit. Das Pärchen schien durch die kürzer werdende Distanz nervös zu werden. Ich hab das zu spät bemerkt, das alles geschah in Sekunden. Das Paar musste also blitzschnell eine Entscheidung treffen:

Flucht oder Kampf.

Da die schwere Tür hinter ihnen schon zugefallen war, schied Flucht aus. Kampf war angesagt.

Vermutlich handelte es sich um den Kampf gegen ihre Würde. Ich will mich jetzt nicht krass lustig machen, das war sicherlich respektvoll gemeint, bestimmt auch von Angst motiviert.

Aber die beiden haben sich dazu entschieden, sich mit dem Gesicht ganz nah an die Wand zu stellen und mich passieren zu lassen. Das war so absurd!!!

Und da schwante mir: bist du nicht in deiner Wohnung, wirst du als gewisse Bedrohung angesehen. Als Werkzeug des Virus.

Kenn ich dich nicht, dann gehörst du hier nicht her.

Und durch so unterschwellige, wenn auch gut gemeinte Botschaften und Aktionen, ist man draußen so oft gefühlt illegal unterwegs. Selbst, wenn das überhaupt nicht der Fall ist.

Natürlich gibt es noch wirklich ängstliche oder besonders gefährdete Menschen. Aber mir spielen momentan zu viele Leute Ninja. Ein allgemeines Versteck- und Ignorierspiel. Mit völlig überzogenen, ängstlich selbstauferlegten Spielregeln.

Vielleicht versuchen deshalb gerade „Fremde“ nicht großartig aufzufallen, sich vorbeizuschleichen. Ich sehe dich nicht, dann kannst du mich auch nicht sehen.

Ich mutiere zum „Dorf-Gaffer“

Die Straßen sind verhältnismäßig leer. Ganz in der Nähe ist ein Krankenhaus und es gibt einige Geschäfte. Man findet hier immer schwer einen Parkplatz als Anwohner. Vor ein paar Wochen gab es plötzlich massig Parkplätze: Die Geschäfte haben zu, die Mitarbeiter bleiben größtenteils Zuhause, Kunden bleiben fern.

Heute, drei bis vier Wochen später, sucht man nun tagsüber wieder länger nach einem Stellplatz. Ich vermute, das liegt an den steigenden Covid-19-Patienten und dem Krankenhaus in der Nähe.

Bei uns herrscht ein Kontaktverbot „ab der dritten Person“, immerhin keine Ausgangsbeschränkung bzw. Ausgangssperre!

Das schöne Wetter trägt dazu bei, dass sich der Garten in ein riesiges chaotisches Outdoor-Spielzimmer verwandelt hat. Wir sind viel im Garten, die Kinder sowieso.

Ich erwische mich dabei, wie ich des Öfteren den Blick entlang der Straße streifen lasse. Jemand unterwegs? Ein Nachbar? Irgendein Mensch mit Hund? Jemand, der sich mal zwei Minuten Zeit nimmt, um zu plaudern?

Menschen, die vorbei gehen, werden neuerdings von mir angegafft. Guckt er/sie? Jetzt? Nein? Drehst du dich noch um oder… ah. Ja. Schade. Schon weg.

Ich sehe echte Menschen!

Ich freue mich mittlerweile über den Postboten. Viele verzichten auf direkten Kontakt und legen das Paket vor die Tür, klingeln und treten dann zurück. Öffnet jemand, ist die Sache gegessen. Seit Corona verzichtet man hier vorsichtshalber auf unnötige Unterschriften. Bleibt die Tür zu, versucht der Postbote das Paket auf die Art beim Nachbarn abzugeben.

Trotzdem freue ich mich über den kurzen Sozialkontakt. Ich bin Kunde und zu bestimmt 80 Prozent lächeln die Paketboten zurück.

Manchmal stell ich mich mit den Kindern an die offene Haustür, wenn die Müllabfuhr vorbeifährt. Manchmal winken uns die Männer zu. Sie wirken zurzeit angespannter.

Es is so still geworden

Der Verkehr ist weniger geworden. Die ganz allgemeinen Nebengeräusche haben stark nachgelassen.

Das junge Ehepaar zwei Häuser weiter, schräg gegenüber, sitzt vor dem Haus auf der Treppe. Sie rauchen und quatschen, er lacht, sie lacht. Doch selbst, wenn ich ohne Nebengeräusche im Garten bin, allein, höre ich die beiden nicht.

Manchmal unterhalten sie sich mit dem anderen jungen Ehepaar im Haus ihnen gegenüber. Mit Abstand. Jeder schön auf seiner Treppe oder im Vorgarten. Man hört mal ein Lachen und dass Menschen reden. „Komm her!“, hallt es manchmal nur durch die Straße, wenn die Gegenüber ihren Hund rufen. Der Hund bellt nie. Jedenfalls ist es nicht so, dass mein Ohr das je registriert hätte.

In dem Haus neben uns wohnt ein altes Ehepaar. Familie Gabler. Ich schätze, die beiden sind Mitte 70 Jahre alt. Die alte Dame spaziert nach wie vor jeden Morghen zum Bäcker, das lässt sie sich nicht nehmen. Sie vermisst ihre vier Enkel. Und meine Kinder.

Diese alten Leute sind extrem unauffällig und still. Die Fensterläden befinden sich stehts halb geschlossen in der exakt selben Position. Egal ob Tag oder Nacht, Sommer wie Winter.

Als wir vor vier Jahren hier eingezogen sind, dachte ich in den ersten drei Wochen, diese Nachbarn seien im Urlaub. Weil man die weder sieht noch hört. Außer, wenn sie bei gutem Wetter vor der Haustür auf ihrer Bank sitzen. So fanden wir auch heraus, dass dort tatsächlich jemand wohnt.

Wir sind der krasse Gegensatz

Der Verkehr hat stark nachgelassen. Die Nachbarn tuscheln unauffällig. Im Gegensatz zu anderen Gegenden ruft hier aber niemand die Polizei, wenn doch mal drei Menschen mit Abstand beieinander stehen oder sitzen.

Man hört jetzt tagsüber Vögel zwitschern. Und zwischen all dem Gezwitscher, dem Hundegebell diverser Nachbarshunde und dem verstohlenen Gesprächen sind da noch wir.

Wir, das sind: Zwei Erwachsene. Eine Mutter mit einem extrem lauten Organ, welches sie von ihrem Vater geerbt hat. Sie ist verrückt 😀

Und eine viereinhalbjährigen Miss Chaos. Ohne Kindergarten. Ohne Oma. Die Tochter kann schrill sein.

Und ein zweijähriger Frechdachs. Ohne unseren morgendlichen Spaziergang vom Kindergarten nach Hause.

Beide haben nur Flausen im Kopf. Und – alter Schwede – die beiden können so laut sein! Aus einem gewissen Mangel an sozialen Kontakten und körperlichen Tätigkeiten, wie z.B. auf einem Spielplatz, sind die zwei Kids viel aufgedreht. Überdreht. Und laut. So laut…

„NEEEEEEIIIIN! ICH WILL ABER NICHT!“

„MAMA, GUCK MAL!“

„AAAAAAHHHHHHHHH! PAPA!“

„FANG MICH, PAPA! FANG MICH DOCH!“

Bäääääääääääh *Geheule*

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, meine Tochter ist schwerhörig. Das ist sie aber nicht. Kinder in diesem Alter, so meine Erfahrung, reden gerne sehr laut. Sie können das noch nicht so gut regeln. Vor allem dann nicht, wenn sie aufgedreht sind oder sie nach Aufmerksamkeit verlangen. Oder bei Aufregung.

Wir unterhalten aber gefühlt die halbe Nachbarschaft.

Die Alten, die Gablers, freuen sich, wann immer sie uns sehen oder hören. Die alte Dame, Rosi, sagt regelmäßig:

„Ich höre manchmal blabla […das Geheule der Tochter oder des Sohnes…]. Aber das macht mir nichts aus! Das macht mir wirklich nichts aus! Ich hör sie so gern! Das macht mir wirklich nichts aus.“

Zwei bis drei Wochen lang hat Frau Gabler sich isoliert, bis auf die morgendlichen Bäckerei-Brötchen-Abholung. Sie vermisst ihre Enkel wirklich sehr, der Junge ist 12, das Mädchen ist 7. Und die andere Enkel-Jungs sind 16 und 14. Der Älteste von ihnen kam neulich Oma auf dem Rad besuchen. Er stand auf der Straße und sie an der Tür. Ich habe im Garten noch aufgeräumt und ihr gewunken. Sie hatte Tränen in den Augen. So süß.

Seit das Wetter wieder besser ist, traut sie sich jetzt doch nach Wochen mal wieder, auf der Bank vor dem Haus zu sitzen. Dann und wann kommt sie ganz gerne mal mit Eis oder Keksen an, die sie den Kindern ganz vorsichtig über den Zaun reicht. Sie vermisst die Kinder und ihre Enkel und will uns was Gutes tun.

Noch mehr Zucker für die Kinder, yeeey. Aber sie freut sich immer so. Und die Kinder erst. Vor einigen Tagen hat sie sogar geklingelt, weil sie den Kindern ein Eis in den Garten bringen wollte. Als sie mit dem Eis ankam, waren die Kinder aber schon wieder im Haus. Und das Eis konnte sie ja jetzt nicht einfach in den Garten legen 😀 alte Menschen sind so witzig.

Kinder sind halt laut – und ja, auch ich wünsche mir ab und zu einen Lautstärkeregler für sie!

Oft habe ich das Gefühl, man hört hier nur uns. Kinder hörst du einfach immer. Bei uns in der Straße verteilen sich die kinderreichen Familien auf die zwei Enden der Straße. In der Mitte wohnen Paare und überwiegend ältere Leute.

Obwohl heute fast alle Menschen hier in der Straße vor ihren Häusern saßen, hörte man doch nicht viel von denen.

Manchmal ist mir unsere Lautstärke dann aber doch etwas unangenehm. Vor allem, wenn Miss Chaos nicht so gut drauf ist.

„Du bist Kacka, Mama.“

Das ist ihr Lieblingsschimpfwort für mich. Das hat sie im Kindergarten gelernt. Ich bin ja froh, dass es nur das ist.

Aber im Garten öffentlich irgendwelche Kämpfe mit ihr auszutragen, das ist immer blöd. Ich habe ein Problem damit, dass ich immer denke, ich werde von anderen verurteilt.

Oder wenn es ein schöner, ruhiger Sonntag sein könnte. Aber die Kinder finden Stille wird überbewertet! Da höre ich dann neben uns die türkische Familie mit ihren erwachsenen Kindern im Garten sitzen und essen oder lernen. Und denen Gegenüber das alte italieniesche Ehepaar.

Ja, Kinder sind halt laut und so, die brauchen das, schon klar. Aber man will doch auch mal dasitzen und seine Ruhe haben.

Ich würde auf jeden Fall verstehen, wenn sich manche öfter durch uns gestört fühlen. Mich stört die Lautstärke ja auch ab und zu. Ich bin es aber gewohnt und musste damit umgehen lernen. Das fällt schwer, selbst wenn man seine Kinder abgöttisch liebt.

Und naja andere können Kinder ja süß finden… aber trotzdem darf einem das Geschreie oder laute Reden auch mal auf den Sack gehen!

Radio Mülltonne

Bei dem schönen Wetter steht die Tür zu Terrasse und Garten immer offen. Der Freund geht mit den Kindern und der Tochter vom Nachbarn spazieren und Radfahren am Ende der Straße.

Ich nutze die Gunst der Stunde und räume im Garten auf. Die Kinder schleppen gern alles mögliche vom Haus in den Garten: Kochlöffel, Becher, Spielsachen, Decken, Kissen, Essen, Trinken, Taschenlampen, Blätter, Stifte, Besteck, die Liste ist endlos.

Und bevor Sachen kaputt gehen, mit Wasser begossen werden oder im Komposthaufen landen, rette ich ein paar Dinge vor dem sicheren Tod. Ich genieße die Stille dank der Abwesenheit der Kinder. Es ist unglaublich warm. Die Gablers sitzen vorm Haus, wie viele andere in der Straße.

Beim Aufräumen bemerke ich, dass irgendwo ein Radio läuft. ‚Bestimmt alte Leute‘, denk ich. Das Radio klingt alt, der Sound dumpf und es rauscht ein wenig.

Da merke ich, dass der Freund mit den Kindern noch gar nicht richtig aufgebrochen ist.

„Hörst du das Radio? Wo kommt des her?“, fragt er mich.

„Vielleicht von den Gablers? Is aber ungewöhnlich. Wir wohnen schon so lang hier, die haben noch nie draußen Musik gehört… Kommt aber bei denen aus der Richtung.“

„Ah ja, wir gehen jetzt. Ich lauf mal vorbei und guck, wo das herkommt.“

Weil ich natürlich auch wissen will, wo’s herkommt, geh ich in den Garten und winke meiner Familie zum Abschied. Geht endlich, alter.

Ich bin schon wieder am Aufräumen, da ruft der Freund:

„Guck mal, das kommt da aus dem Kasten!“

Ich schaue zu den Gablers. Sie sitzen nicht mehr vor der Tür. Am Gartenzaun steht ein Kasten, in der man die Mülltonnen verstauen kann. Erst jetzt fällt mir auf, dass deren Tonnen da aber gar nicht drin stehen, sondern neben dem Kasten. Oh man. Und dabei guck ich da so oft rüber. Verrückt, dass ich das nie gesehen hab.

Das Geräusch kommt also aus dem Kasten der Gablers, in dem keine Mülltonnen stehen.

Da erscheint die Rosi in der Tür und der Freund erzählt ihr von seiner Entdeckung.

„Ach!“, ruft sie erschrocken und irgendwie entsetzt. „Das alte Ding!“

Der Freund zieht los. Ich bin wie gebannt. Ich muss sehen was da los ist!

Herr Gabler beginnt, den Kasten zu öffnen. Zuerst muss er noch mal ins Haus, einen Schlüssel holen. Dann kommt er mit dem Schlüssel, öffnet das Schloss. Und dann fummelt er fünf Minuten lang an einem Knoten herum. Der Kasten ist nämlich doppelt gesichert!

Die direkten Nachbarn, die auch draußen sind, haben es auch alle gehört und sich gefragt, wessen Musik das ist. Die Auflösung kam ja und nun glotzten alle halbwegs idiotisch wie ich auf Herrn Gabler.

Der Knoten scheint eine verdammt harte Nuss zu sein. Herr Gabler, Hans, fingert da ewig dran rum. Langsam wird mir das offensichtliche Gaffen selbst unangenehm, es dauert aber auch so verdammt lang den Kasten zu öffnen! Was ist das für ein Mörder-Knoten? Liegt in dem Kasten einer drin, den sie vorm Ausbrechen hindern wollen?

Und dann muss ich mich umdrehen, weil ich fast laut losgelacht hätte.

Da steht dieser alte Mann, gut fünf andere Menschen noch, die irgendwie hinschauen, und versucht zu Michael Jacksons Hit „Thriller“ diesen scheiß Knoten aufzuwursteln.

Viel zu geil!

Ich räume also weiter auf, auch manche Nachbarn sind wieder in Gespräche und Tätigkeiten vertieft. Ich gehe nicht zu weit weg, weil ich nicht verpassen will, wie der alte Mann die Schatzkammer öffnet.

Und dann ist es so weit: der Knoten ist offen, der Kasten ist befreit. Mittlerweile steht auch Rosi neben ihrem Mann. Als sie den Deckel öffnen, schreit Michael Jackson den beiden dermaßen ins Angesicht, dass Rosi sich erst mal die Ohren zuhält.

Krass wie schallisoliert der Kasten ist! Das Radio ist wirklich bis zum Anschlag aufgedreht.

Blitzschnell bringt Hans den Michael zum Schweigen. Alle gucken. In meinem Kopf stehen ganz viele Leute auf der Straße und klatschen. Rosi lacht laut und ruft:

„Ach Gott, das dumme, alte Ding! Das war kaputt, das liegt seit einem halben Jahr da drin. Und jetzt geht das einfach an!“

Sie wickelt das Kabel mit Stecker wieder um das Radio – und stopft es zurück in die Mülltonne!

Ich kann die ganze Zeit nur grinsen und muss loslachen, als sie es zurücklegt.

Ich meine, es funktioniert doch, warum wirft sie es weg? Achja, der beschissene Klang, ich erinner mich wieder…

Hoffnung

Ich hoffe einfach, dass wir auch manchmal die Leute zum Lachen, Grinsen oder wenigstens Lächeln bringen.

Seit es allgemein so still geworden ist, geben wir vielleicht dem einen oder anderen Nachbarn ein Stück „Normalität“ – in dieser komischen Corona-Zeit.

Die Kinder lachen, sie spielen, sie haben Wünsche, Träume, Vorstellungen und eine unglaublich schöne andere Sichtweise auf alles.

Ich hoffe einfach, man würde uns vermissen, wenn wir wegziehen würden.

Und dass wir manchmal jemanden zum Lachen, Grinsen oder wenigstens zum Lächeln bringen.

Bleibt gesund ihr Lieben!

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