„Du wusstest, worauf Du Dich einlässt“ – eine der größten Lügen aller Zeiten

Corona - Woche 9: Meine Kinder gehen mir auf den Sack!!!

Zuerst: nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich liebe meine Kinder. Ich bin liebevoll zu ihnen, geduldig, konsequent und so weiter. Ich bin eine gute Mutter. Die aller meisten Mütter sind gute Mütter. Lasst euch nix einreden!

Aber diese ganze Corona-Situation zehrt nun schon so lange an unseren Nerven. Seit acht geschlagenen Wochen geht meine Tochter nun nicht mehr in den Kindergarten.

Aaaaaaaacht Woooooochen. Ohne Spielplätze, ohne Freunde, ohne Oma, ohne Parkbesuche. Ohne KiTa, ohne richtiges Tages“ziel“.

Ich meine, dieses Zuhause-Sein und wenige Termine haben, das ist schon mega gut. Weniger Entscheidungen treffen gehört dazu, das find ich super. Wie man aussieht, egal (falls es einem egal ist, was die Nachbarn denken).

Ich denke, die meisten Menschen haben sich auch erst mal gefreut, viel Zeit Zuhause zu verbringen. Man ist in einer Situation, in der man versucht, sich sinnvolle Dinge zu überlegen. Ausmisten beispielsweise. Aufräumen, Möbel umstellen, all sowas. Was man mal macht, wenn man Zuhause ist und Zeit hat. Oder scon seit Jahren einfach liegen geblieben ist (wie z. B. mein Papierkram – seit 4 oder 5 Jahren sammel ich meine Post in einem Karton – das müsste mal in die Ordner gepackt werden…).

Aber Kinder, meine lieben Leute, Kinder sind am aller liebsten draußen und mit anderen Kindern zusammen.

Die Kinder langweilen sich schnell im Haus/in der Wohnung

Für meine Kinder bin ich ja schon alt. Alt – und festgefahren in meinen Gewohnheiten. Was ja auch irgendwie stimmt. Mir macht es jedenfalls nicht viel aus, mal eine zeitlang Zuhause zu verbringen…

Kinder hingegen sind mit der immer selben Umgebung nicht ganz so zufrieden wie Erwachsene.

Wobei wir das, wenn wir ehrlich sind, ja auch nicht immer sind: auch wir wollen weg fahren, in Urlaub gehen, mal was anderes sehen. Oder stellen unsere Wohnung hier und da mal um; einfach, um mal was anderes zu sehen.

"Der Kampf gegen die Tristesse"

In den ersten Wochen der Corona-Krise, in denen ich die meiste Zeit mit den Kindern Zuhause war, habe ich versucht, jeden Tag irgendwie zu gestalten.

Je nachdem, wie die Kinder drauf waren, haben wir gemalt, gebastelt, geduscht und gebadet, gespielt, getanzt, geturnt.

Daneben wurde im Kinderzimmer die Wand mit Wasserfarben angemalt. Mit – zum Glück nur Buntstiften – auch Boden, Wände, Schränke, Türen. Is halt so.

Außerdem wurde der Gartenzaun angemalt, der Gartentisch und sogar der Sand. War auch nicht geplant – die haben den Kasten einfach mit raus genommen.

"Bodenkunstwerk"
Anfangs sah das aus wie Kotze. Das hat auch so komisch gesprudelt 😀
Blutroter Strich an der Wand

Das war eine Sauerei mit dem Malkasten; sah aber total toll aus, als es getrocknet war. Ich wollt mich erst ärgern, weil Oma und Opa den Farbkasten damals extra gekauft haben, weil die Töpfchen für die Farben so schön groß sind.

Aber is‘ ja ned so, als wär es der einzige Malkasten – also scheiß‘ drauf.

Bunter Sand, der durch die Rillen im Tisch gerieselt ist.
Sah am Ende schon mega cool aus, find ich 🙂
"Maltisch"

Die Kinder machen nur Blödsinn, wenn sie sich Zuhause langweilen

Leider macht ein Kind auch viele Dinge, bei denen man leider nicht einfach sagen kann: egal.

Wenn schon früh morgens, vor dem ersten Kaffee, der Zweijährige den Becher Saft der Vierjährigen, die ihn komplett mit Saft gefüllt hat, vom Tisch holt.

Zack.

Und der Saft läuft richtig schön erst mal über meinen Sohn, den ich vermutlich gerade erst im Badezimmer umgezogen habe. Der schreit und beschwert sich ganz furchtbar. Und tappt nebenbei in der Pfütze rum. Und leert den kleinen Rest, der noch im Becher ist, vom Umgucken und Umdrehen auch noch im Schwall im Raum aus.

Also: Tisch wischen, Boden wischen, Kind umziehen, neue Getränke machen, weil auch meine Tochter heult; ihr Bruder hat schließlich gerade ihr Getränk verschüttet.

Und das sind so Kleinigkeiten. Aber die mehren sich über den Tag.

„Was möchtet ihr essen? Soll ich Nudeln kochen?“

Und die Kids schreien:

„JAAAA!“

15-40 Minuten später, je nachdem, was für einen Aufriss ich mir mache und wie hungrig die Kinder sind, komm ich dann zurück, mit den Nudeln.

„Ich wollte aber REIS!“ oder „Bäääh!“ oder „Ich wollte Suppe!“

ALTER, DU HAST GERADE GESAGT DU WILLST NUDELN!

Es gehört wohl auch dazu, um sich von den Eltern abzugrenzen, wenn man als Kind erst mal alles ablehnt, was vorgeschlagen wird. Weil die Idee kam ja nicht vom Kind selbst.

Daraus resultieren lauter kleine Kämpfe. Nein, ich will aber nicht das essen, ich will lieber…

„Nein, ich will das nicht anziehen! Ich will eine andere Hose/Jacke/Mütze/einen anderen Becher/andere Schuhe…“

Im Großen und Ganzen sind das viele kleine Dinge, die einen meistens relativ kalt lassen.

Das mit dem Becher am Morgen kann einem aber auch schon mega den Tag versauen. Als wär man mit dem falschen Bein aufgestanden.

Und selbst wenn morgens kein (riesen) Drama passiert…

...irgendwann ist es einem einfach zu viel

Über den Tag passieren dann lauter so „Unfälle“ und „Anfälle“ der Kinder.

Noch dazu bin ich auch manchmal tollpatschig, werfe etwas um oder stoße mir den Zeh. Dinge, die halt so passieren. Nur dann rege ich mich über mich brutal auf, weil ich mir denk: ich muss schon dauernd putzen wegen der Kinder; warum nur bin ich so behindert und werfe meinen Kaffee jetzt auch noch um?! :'(

Ich kann meinen Ärger ja auch nicht an meinem Kind auslassen bzw. an meinen Kindern. Also bin ich dann besonderns streng mit mir selbst und lass meine Wut dann an mir aus quasi.

Es ist schwer, als Mutter ein geeignetes Ventil zu finden für negative Gefühle (wie Wut oder Traurigkeit).

Bevor man jetzt anfängt, das Kind anzuschreien oder körperlich grob zu werden, oder gar zu schlagen, kotzt man sich doch lieber erst mal aus und lässt seinen Frust mal gehen. Einfach mal aussprechen, was einen gerade so aufregt.

Der Wurf ins kalte Wasser - aber beschweren ist verboten!

Allerdings ist der Anspruch an uns Eltern und sonstige Betreuungspersonen, dass wir uns nicht über die Kinder beschweren.

Besonders die Mütter nicht. Denn man HABE SICH JA FÜR EIN KIND/KINDER ENTSCHIEDEN. UND MAN HABE JA GEWUSST, WAS AUF EINEN ZUKÄME.

Warum? Wer sagt denn sowas?

Ich bin doch nicht als Mutter geboren worden! Ich wurde dafür nicht ausgebildet, habe keine Schule oder Prüfung absolviert. Du bist schwanger und auf einmal merkst du – boah, schwanger sein ist VOLL KACKE! Zumindest ging es mir so…

Ich habe drei Geschwister und habe mich nicht großartig gesorgt, ob ich mit einem Kind oder mehreren Kindern „klar“ komme. Ich fühlte mich so reif und vorbereitet. Aus der Praxis gelernt quasi.

Ich war so dumm und naiv. Eigene Kinder zu haben ist natürlich was ganz anderes, als nur das älteste Kind zu sein.

Und nun, weil die Kinder MEINEM Körper entsprungen sind, bin ich jetzt automatisch verantwortlich. Verantwortlich dafür, dass das Kind existiert. Verantwortlich für Leib und Seele des Kindes. Die Erziehung.

Wenn dein Kind sich daneben benimmt, bekommst DU als Mutter den Bitch-Blick von wegen: „Kann die ihr Kind nicht erziehen?“

Aber: du musst dir diese ganze Scheiße selbst beibringen. Du kriegst ein Kind und dann heißt es: „Glückwunsch, ihr seid jetzt eine Familie. Kriegt ihr schon hin.“

Und dann fängst du halt an, Mama oder Papa zu sein. Wächst mit der Zeit in deine Rolle rein. Natürlich tut man das. Aber im Allgemeinen wird man als Familie relativ allein gelassen, was man jetzt auch wieder an der Corona-Situation merkt.

Tropf, Tropf, Tropf... irgendwann Eimer voll!

Ich hab es mittlerweile satt, immer so zu tun, als wäre alles paletti, auch wenn es das gar nicht ist. Das ist so anstrengend…

Also erlaube ich mir mittlerweile auch, mal ’ne Fresse zu ziehen. Und mal zu sagen, dass ich grad gestresst oder genervt bin, wenn ich grade nicht mit der Nachbarin reden kann, weil ich meinem Sohn hinterher muss, der zum zehnten Mal an dem Tag die komplette Straße hoch rennt, was nervt.

Weil es jeden Tag ist. Und wenn immer,  jeden Tag die selben Sachen „Phase“ sind, die einen anfangs nach dem hundertsten Mal nerven… Nach ein paar Wochen nerven sie aber schon beim ersten Mal. Schon wenn mein Sohn auch nur den Anschein erweckt, er wolle gleich wieder wegrennen, könnt ich kotzen.

Ich übertreib? Ich möchte mal gerne einen Vergleich anstellen.

Eine Analogie

Schon klar, dass das Beispiel nicht ideal ist. Aber versuch dich mal drauf einzulassen.

Stell dir mal vor, du kommst auf die Arbeit, und kannst jeden Morgen erst mal nicht anfangen, am PC zu arbeiten oder an der Apparatur, weil ein, kleines Äffchen,  was umgestellt hat. Jeden Morgen. Und jeden Mittag wirft er ein Mal deine Tasse oder dein Glas um.

Du kannst dieses Äffchen noch so mögen und Verständnis haben, weil der Affe ja irgendwie in seinem Denken beschränkt ist – trotzdem nervt es. Und wenn es Tag für Tag immer das selbe ist – irgendwann ist das Maß voll.

Es nervt, es ärgert einen und die allgemeine Aggression in diesen Situationen steigt. Schon beim Gedanken an bestimmte Situationen ist man gestresst.

Die vielen kleinen Kämpfe über die Wochen haben mich zermürbt

Ich musste relativ schnell feststellen, dass ich viele Dinge nicht beeinflussen kann. Aber meine Einstellung dazu kann ich teilweise schon beeinflussen.

Ich überlege mir jetzt ganz genau: lohnt es sich, deswegen jetzt wieder Stress anzufangen?

„Zieh dir bitte was an, draußen ist es kalt.“ – „Nein.“

„Bleib beim Essen am Tisch sitzen!“

„Wo hast du die Schokolade her?“

Damals, vor Corona und bevor ich total „durch“ war, hab ich da rumdiskutiert, versucht zu überreden, geschimpft, konsequent geblieben.

Ich bin immer noch konsequent.

Aber ich versuche, nur noch wegen „wichtiger“ Dinge meinen Kopf durchzusetzen. Beim Zähne Putzen beispielsweise.

Ich benutze „NEIN“ nicht mehr so häufig. Und versuche, bei „unwichtigen“ Sachen (das is ja auch sehr individuell) die Kinder einfach machen zu lassen.

Wenn meine Tochter sich wieder heimlich irgendwo mit Schokolade vollgestopft hat, ohne zu fragen, und ich ihr sage, sie soll ihr Gesicht abputzen und sie das verneint. Ich schimpfe nicht mal mehr, frage nicht mehr, warum sie nicht gefragt hat, ob sie die Schokolade essen darf und wo sie die überhaupt gefunden hat. Ich hab keine Kraft mehr.

Dann wischt sie sich eben nicht den Mund ab und sieht aus wie ein Clown. Ich bitte sie dann einfach hin und wieder, mal in den Spiegel zu sehen. Oder frage sie, ob sie ein Tuch haben möchte.

Meine Tochter meint, sie müsste im Schlafanzug draußen rum rennen und sich auf meine Bitte hin nicht umziehen? Okay. Dann isses so.

Dann rennen meine Kinder eben verschmiert und halb bekleidet und nicht gekämmt durch die Gegend.

Dem Freund wiederum, dem Papa der Kinder, ist das extrem wichtig, wie die Kinder rumlaufen. Ja okay. Aber dann kann er sie umziehen, wenn er Heim kommt und ihn das stört.

Ich lauf hier keinen Sprint, sondern einen Marathon.

Fairerweise

Ich hab liebe Kinder. Ich würde alles für sie tun.

Nur manchmal, da gehen sie einem auf die Nerven. Sowas von.

Fairerweise muss gesagt werden: mir geht’s auch durch die Situation einfach nicht gut. Mir fehlen meine Freunde. Den Kindern geht’s nicht anders!

Aber ich kann wenigstens verstehen, was abgeht! Oder sagen wir, ich verarbeite es anders. Verstehe auf einer anderen Ebene, warum wir jetzt wochenlang nicht zu Oma konnten. Und nicht mal auf den Spielplatz. So Sachen eben.

Die Kinder haben nicht verdient, dass ich so bitchig bin. Ja es tut gut, sich mal auszukotzen. Aber nicht vor den Kindern, das ist unfair.

Das is‘ so krass. Ich schreib diesen Text und überlege wegen einem Ende und dann auf einmal fällt mir so auf: Alter, ohne meine Kinder wär ich verloren. Ich würd wahrscheinlich nur Zuhause hocken, ängstlich, zu viel Zeit, keine sinnvolle Aufgabe und würd heulen, kaum essen und nur schlafen.

Ich brauche meine Kinder. Ich will diese Wertschätzung wieder in den Vordergrund bringen. Dann fällt es mir doch auch wieder leichter, geduldig zu sein.

TU DIR WAS GUTES - jeden Tag!

In den ersten fünf, sechs Corona-Wochen hab ich mir wirklich große Mühe gegeben. Vielleicht mal wieder etwas zu sehr – zu viel Kraft für den Anfang verballert (Sprint statt Marathon).

Aber ich merke, dass sich gerade so in den letzten zwei bis drei Wochen wieder der Trott und ein neuer Alltag eingeschlichen hat und mich so eine Frustration über die Situation einholt.

Also möchte ich so abschließen:

Wenn auch Du immer genervter von deinem Kind oder deinen Kindern bist, Du bist nicht allein. Alle Familien, teilweise sogar weltweit, müssen mehr oder weniger da durch momentan… Das können wir nicht ändern, Du nicht, ich nicht.

Aber wir können unsere Einstellung anpassen und mein ganz dringender Appell: TU DIR WAS GUTES!

  • Ruft eine*n Freund*in an – wenn sie/er auch Mutter/Vater ist, wird sie/er verstehen! Es ist aber auch erfrischend, jemanden anzurufen, der KEINE Kinder hat – um mal über was ganz ganz ganz anderes zu reden!
  • Hör Musik
  • Tanze! Das kurbelt den Kreislauf an und macht glücklich
  • Sing!! Egal ob Du das „kannst“ oder nicht
  • Schaff dir tagsüber kleine Erholphasen mit Achtsamkeits“übungen“: es kann reichen, sich mal nur auf den Kaffee zu konzentrieren, den man trinkt, oder auf ein Stück Schokolade oder ein Eis, das man sich gönnt (Wie schmeckts? Ist es kalt oder warm? Wie ist die Konsistent, der Geruch? Sollte doch noch ein Schluck Milch mehr in den Kaffee, damit er noch etwas besser schmeckt?). Einfach mal voll genießen, nicht nur konsumieren und weiter – mal kurz anhalten und sich ganz auf die Situation einlassen (das ist im Prinzip „Achtsamkeit“, auch wenn das so geschwollen klingt)
  • Ich überlege mir seit Kurzem vor dem Schlafengehen drei Dinge, für die ich dankbar bin an diesem Tag. Heute: die Sonne hat geschienen, als ich in der Stadt unterwegs war (zwar Erledigungen, aber mal ohne Kinder, das muss auch mal sein!); ich bin mir meiner wahren Freunde mal wieder bewusster geworden und dankbar für diese; und ich hab den Text hier fertig. Yey 🙂

Machs gut♥

Deine Lady Awesome

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